»Intelligent Design« Mit Gott gegen die Evolution

Gott-EvolutionGesehen im P.M. Magazin vom 5.2006

Der gelbrotweiße Blütenteppich einer Maiwiese, die nektarsammelnden summenden Insekten oder der betörende Gesang einer Nachtigall rufen in uns regelrechte Glücksgefühle hervor. Wie wunderbar ist die Natur eingerichtet, wie genau passt alles ineinander, und wie schön ist das Ganze! Noch größer wird unser Staunen und unsere Bewunderung, wenn wir uns im Detail mit den Erscheinungen der Natur befassen: Der Sturzflug eines Falken, das Orientierungsvermögen der Fledermäuse, die Umwandlung von Sonnenlicht in Zucker, der Blutkreislauf, das Immunsystem, das genial einfache Alphabet unserer Genbausteine oder gar das menschliche Gehirn – kann all dies wirklich noch das Produkt natürlicher evolutiver Vorgänge sein? Jahrhundertelang war es Tradition und entspricht unserem Bedürfnis nach Kausalität, hinter diesen Wundern einen Gott bzw. einen »intelligenten Schöpfer« zu vermuten.

Nun machen die Erkenntnisse der Evolutionsforschung einen Schöpfergott unnötig – und lösen dadurch immer noch bei vielen Menschen großes Unbehagen aus. Doch zahlreiche religiös geprägte Naturwissenschaftler wie der Physiker Max Planck oder der Molekularbiologe F. S. Collins machen deutlich, dass sich Religion und Naturwissenschaft durchaus vereinen lassen, wenn man sie auf verschiedene Ebenen der Realität bezieht. Naturwissenschaften richten sich auf objektive Vorgänge in der realen, materiellen Welt, während die christliche Religion die Grundlagen unserer Ethik darstellt. Auf dieses Agreement haben sich die großen Kirchen mit der Wissenschaft geeinigt. Nicht so die Jünger des Intelligent Design: Sie vermischen die christliche Glaubensebene mit der objektiven Wissensebene. Warum sie das tun und was dabei herauskommt, wollen wir uns einmal
näher ansehen.

Es war eine Gerichtsverhandlung ganz besonderer Art, die sich im Januar 2006 im Bundesgericht von Harrisburg (Pennsylvania) abspielte. Verhandelt wurde ein Kulturgut, das wir in unserem kulturellen Fundus sicher verwahrt glauben: die strikte Trennung von Religion und Wissenschaft. Das Gericht sollte klären, ob »Intelligent Design« (ID) eine religiöse Vorstellung ist oder aber eine Wissenschaft, also auf Fakten und Versuche gegründet, experimentell überprüfbar und falsifizierbar.

Nach wochenlangen Verhandlungen wurde auch Amerikas prominentester Vertreter von ID, Michael Behe, Biologe und Professor an der Lehigh-Universität, ins Kreuzverhör genommen. Der gegnerische Anwalt Eric Rothschild fragte ihn: »Stimmt es, dass kein einziger wissenschaftlicher Artikel Intelligent Design unterstützt, der zuvor einem unabhängigen Gutachter vorlag?« (In wissenschaftlichen Fachzeitschriften werden alle Artikel vor ihrer Veröffentlichung von unabhängigen Gutachtern geprüft.) »Ja, stimmt«, musste der Zeuge einräumen. Dann las der Anwalt aus einem Buch vor, das Michael Behe mitverfasst hat. Darin steht, dass die verschiedenen Lebensformen abrupt mithilfe »eines Trägers von Intelligenz« entstanden sind, und zwar schon mit »ausgeprägten Merkmalen«, Fische etwa mit Flossen. »Wenn man das Wort ›Träger von Intelligenz‹ durch ›christlichen Schöpfer‹ ersetzen würde, verlöre die Definition keineswegs ihren Sinn, oder?«, schlussfolgerte der Anwalt. Mit seinen Gegenargumenten konnte Michael Behe Richter John Jones nicht überzeugen. Dieser befand, die Missionare des ID hätten »wieder und wieder gelogen«, um ihr wahres Ziel zu erreichen, nämlich »Religion ins Klassenzimmer der öffentlichen Schulen zu tragen«. Ihr Verhalten geißelte Richter Jones als »atemberaubende Hirnverbranntheit«.

Eine Schlappe für ID – die erste seit geraumer Zeit. Religion im Klassenzimmer ist in Amerika per Verfassung verboten. Es herrscht strikte Trennung von Kirche und Staat. Deshalb versuchen religiöse Gruppen immer wieder, ihre Glaubensinhalte über den Biologieunterricht in die Köpfe von Kindern und Jugendlichen zu bekommen.

Schon 1987 wurde der Kreationismus – der Glaube an die Genesis, das erste Buch Mose, in wörtlicher Auslegung – im Biologieunterricht verboten. Als Reaktion darauf entwickelte sich in den letzten zehn Jahren die Lehre vom intelligenten Schöpfer. Auf allzu enge Bibelauslegung wird dabei verzichtet, zum Beispiel auf die Behauptung, die Erde sei nur sechs- bis zehntausend Jahre alt. Auch ist es nicht mehr Gott, sondern ein ungenannter »intelligenter Schöpfer«, der das Universum erschaffen hat. Auf gar keinen Fall aber, behaupten die Anhänger, könne die Welt in all ihrer Komplexität durch Zufall, Mutation und Selektion (also Evolution) entstanden sein. Zwar wird eine gewisse Evolution zugestanden, bei der sich die Arten an verschiedene Umwelten anpassen und aufspalten können, die so genannte Mikroevolution. Abgelehnt wird jedoch die Annahme einer Makroevolution, d. h. einer evolutionären Höherentwicklung, durch die komplexe Merkmale wie die Geißel eines Bakteriums, das Auge oder gar das menschliche Gehirn entstanden sein könnten.

Mit diesem neuen Konzept hat ID in den letzten Jahren durch einprägsame Parolen wie »Evolution ist ein Märchen für Erwachsene« oder »Evolution, was für eine dumme Idee« und aggressive Öffentlichkeitsarbeit in den gesamten Vereinigten Staaten Spuren hinterlassen. In den vergangenen drei Jahren wurden in mehr als 20 Bundesstaaten, wie etwa Ohio und New York, Georgia und Misssouri, Gesetzesentwürfe eingebracht, um ID im Biologieunterricht zu lehren oder sogar, wie in Kansas, die Evolution infrage zu stellen. Evolutionslehre fehlt heute bereits in den Lehrplänen von vier Bundesstaaten, darunter das bevölkerungsreiche Florida.

Die ID-Anhänger gehen dabei sehr flexibel und mit schwer fassbaren Strategien vor. Da sie keine eigenen Forschungsergebnisse vorweisen können, drehen sie einfach den Spieß um und stellen die Evolutionstheorie auf die Anklagebank: Sie suchen nach vermeintlichen Schwachstellen, bohren darin herum, und wenn sie widerlegt werden, weichen sie hinter den gerade aktuellen Wissensstand zurück. So leugneten sie zum Beispiel zunächst, dass Wale von Landtieren abstammen – ein Paradebeispiel für die Evolution –, weil angeblich Zwischenformen fehlten. Seit jedoch immer mehr »Missing Links« auftauchen und die »Walwerdung« durch Fossilfunde nahezu lückenlos dokumentiert ist, ist an dieser Front Ruhe eingekehrt.

Bei vielen Behauptungen verwechseln die Evolutionskritiker zwei Dinge miteinander: die Evolution als dokumentierte Tatsache und die Fragen nach den Mechanismen und Antriebskräften des evolutiven Artenwandels. Während Erstere wie kein anderes wissenschaftliches Gedankengebäude durch Fossilien, anatomische, embryologische und molekulare Ähnlichkeiten usw. bewiesen ist, sind Detailfragen zum Mechanismus der Evolution noch Gegenstand der Forschung. Zu den offenen Fragen gehört zum Beispiel der exakte Mechanismus der Artenbildung oder die Herkunft des Zellkerns.
Vor allem folgende Behauptungen der ID-Strategen tauchen immer wieder auf:

1. Die Evolution kann man nicht beweisen, noch niemand hat die Entstehung neuer Arten beobachtet.

2. Es gibt keine Makroevolution. Die heute auf der Erde verbreiteten Organismen gehen auf wenige, vom Schöpfer getrennt erschaffene Grundtypen zurück, die sich dann durch Mikroevolution ausgebreitet haben.

3. Alle Lebewesen sind optimal angepasst; ein intelligenter Schöpfer erzeugt keine unperfekten Lebewesen.

4. Statistisch betrachtet ist es ausgeschlossen, dass eine funktionierende DNA-Sequenz spontan – ohne Schöpfer – entstanden sein könnte.

Ein Kommentar zu “»Intelligent Design« Mit Gott gegen die Evolution”

  1. Spice
    Januar 4th, 2007 15:39
    1

    In Anbetracht der Verschärfung der Gegensätze zwischen Evolutionsanhängern und fundamentalistischen Religionsfanatikern möchte ich versuchen, eine wissenschaftlich fundierte Aussage zu diesem Themenkomplex beizusteuern. http://mitglied.lycos.de/futuremann/

    Ich glaube, dass es unbedingt notwendig ist, die allgemeine Unkenntnis der Zusammenhänge von belegten Tatbeständen und reine Spekulation in der Darwinschen Evolutionstheorie zu beseitigen.
    In diesen Zusammenhang ist die Frage erlaubt, beinhaltet Evolution die ständige Weiterentwicklung der Arten, oder ist sie nur eine Vorspiegelung von falsch interpretierten Zusammenhängen. Falls letzteres zutreffen sollte, ergibt sich die Schlussfolgerung, dass der Tod nicht als untrennbarer Bestandteil des Lebens angesehen werden muss, weil er als Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Arten nach Darwin nicht mehr benötigt wird.
    Das bedeutet nichts anderes, dass der Zelltod des Alterungsprozesses nachträglich im biologischem System implantiert worden ist.
    Ich empfehle wärmstens, die Publikation zu diesem Thema im Internet anzuklicken.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ihr H.W. Spice

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